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Christoph Rütimann

Christoph Rütimann (*1955, lebt in Müllheim/TG) gehört zu den international geschätzten Künstlern der Schweiz und stellte in jüngster Vergangenheit in der Kunsthalle Bern, im Kunstverein Göttingen und in der Städtischen Galerie in Erlangen aus. Er zeigt nun in dieser Ausstellung in der Mai 36 Galerie erstmalig das neu entstandene Video „Hand-lauf Peking“ aus der Serie der Videoarbeiten „Geh-länder“ sowie eine bedeutende Gruppe der über die letzten Jahre hinweg entstandenen Skulpturen aus Haushaltswaagen. Ferner sind eine Auswahl photographischer Vergrösserungen aus der neuen Polaroidserie und eine grossformatige Tuschezeichnung zu sehen.

Diese Tuschezeichnung funktioniert wie ein Gelenk der Ausstellung. Rütimanns Auseinandersetzung mit den Konstituenten seines Schaffens zeigt sich hier auf grundlegende, gleichsam analytische Weise. Im Zentrum der Arbeit steht die Reflexion über die Linie: sie erzeugt in ihrer Länge und Gestalt, der Wiederholung, Überlagerung und Rhythmik die Dichte und Dynamik des zeichnerischen Geflechts. Zwar bleibt die Handschrift des Künstlers und die Dynamik seiner schaffenden Bewegung in der Zeichnung spürbar, doch wird sie in eine der Zeichnung eigene Präzision und Strenge übertragen. Die zeichnerischen Elemente gehen dabei ganz in der Eigengesetzlichkeit der Zeichnung auf. Diese wird bei Rütimann nicht aus der Wechselwirkung mit dem Format, also nicht kompositionell entwickelt, sondern durch den Prozess des Zeichnens selbst. Das Format des Blattes fungiert somit bloss als Träger der Zeichnung und nicht vorgängig als ihre Grenze.

Der Linie als Konzept und Ordnungsstruktur sowie ihren Manifestationen als Kontur, Horizont und Grenze spürt Christoph Rütimann in seinem Werk immer wieder nach. In den „Hand- lauf“-Videos spielt sie die Hauptrolle. Verschiedene Geländer, Brüstungen und Balustraden unterschiedlicher Höhe dienen der auf einem rollenden Wagen befestigten und von der Hand des Künstlers geführten Kamera als Laufbahn. In hohem Tempo bewegt sich die Kamera auf ihr, begleitet von den Geräuschen der Räder des Kamerawagens. Für den Zuschauer werden die Geländer zur perspektivisch sich verjüngenden Bahn und zum einzigen Anhaltspunkt für die Orientierung. Unermüdlich sucht der Blick Halt an einem sich momentan darbietenden Fluchtpunkt, der jedoch in der nächsten Sekunde durch die Fahrt schon wieder eingeholt und überholt ist. Die Innen- und Aussenräume, Landschaften und Stadträume gleiten als sich stets wandelnde Bilder vorbei, wobei der Horizont jäh kippen kann, das Kamerabild zuweilen jegliche räumliche Tiefe verliert und so nur noch als flache, diagonal gekippte Bildfläche wahrgenommen wird. Die Form der Geländer, ihre Unterteilung in Abschnitte sowie als Hindernisse erscheinende und den seitlichen Bildraum verdrängende Geländerknäufe und Balustradenköpfe geben die Rhythmik und Geschwindigkeit der filmischen Sequenzen vor. Das Unausweichliche in der Verfolgung der Geländer kann geradezu zwanghaften Charakter annehmen und die erzwungene Orientierung führt gelegentlich zur völligen Orientierungslosigkeit. Auf der chinesischen Mauer im Video „Hand-lauf Peking“ kann man

nur in seltenen und kurzen Momenten den Blick über die fulminante Berglandschaft schweifen lassen und doch scheint das grandiose, die lineare Struktur des Handlaufs verdoppelnde Bauwerk geradewegs für den Künstler gemacht zu sein. Durch die „Verrückung“ des Blicks vom Auge zur Hand wird eine Reflexion auf die körperlich bestimmte Wahrnehmung und ihre Prozesshaftigkeit möglich, wobei der oblique Blick den Zuschauer immer auch zum Beobachter seiner selbst macht.

Eine solche durch Verschiebung, Spiegelung, Verdoppelung, Ineinanderschachtelung oder Umkehrung erreichte Reflexivität zeichnet viele Arbeiten Rütimanns aus. In seinen Waagenskulpturen zeigt sie sich in der eigentümlichen Begegnung des Messinstrumentes mit sich selbst. Das Phänomen der Schwerkraft wird durch sie auf paradoxe Weise anschaulich. Turmhoch gestapelt bringt der Künstler die Waagen in ein prekäres Gleichgewicht, fügt sie zu massiveren, kompakt wirkenden Skulpturen oder zu spielerischen Ensembles - je nach Waagentype. Die Skalen der einzelnen Waagen verzeichnen dabei präzise die Last des ihnen Zugemuteten. So entstehen regelmässige lineare Progressionen, deren Aufzeichnung durch die Skala jedoch am Punkt der Überlastung ein Ende findet. Der Punkt, an dem der Messbereich der Waage überschritten wird, führt zu einer kategorischen Wende: die unteren Waagen werden nun zum Sockel und Träger der übrigen Waagen. Der Komplexität in der Begegnung von Tragen und Lasten, Zug und Gegenzug mit der analytischen Messung sind dabei keine Grenzen gesetzt. Der Betrachter wird mit paradoxen Situationen, tautologischen Strukturen, Ironie und Komik konfrontiert, wobei die Arbeiten immer wieder eminent poetische Qualitäten entwickeln.

In ihrer bildlichen Konstruktion trifft dies auch auf die neue Serie der Polaroids zu. Sie unterscheiden sich in ihrem Charakter nicht nur durch das Hinzukommen von Nachtaufnahmen, sondern auch durch eine grössere Härte grundlegend von den früheren Serien. Das spielerische Moment der in den Photographien aufscheinenden imaginären Bilderwelt tritt nun hinter eine gewisse Monumentalisierung zurück, die zuweilen melancholische Züge annehmen kann. Während die früheren Serien in gleichsam experimentellen Versuchsanordnungen die expressiven Qualitäten der zum Einsatz gelangenden Objekte erkundeten, sind die neuen Polaroids auch in ihrer stärkeren Tektonik bildhafter. Die Metamorphosen der Fundstücke und Bildfragmente werden so zu eigenständigen bildhaften Fiktionen. [Iris Wien]

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